Resilienz im Ernstfall – Lehren aus dem Berliner Stromausfall

Ein Weckruf mit begrenzter Reichweite

Der Stromausfall in Berlin Anfang Januar war objektiv betrachtet ein lokal begrenztes Ereignis – betroffen waren rund drei Prozent der Bevölkerung und etwa vier Prozent der Fläche. Dennoch erzeugte die Situation eine Wahrnehmung, als wäre die gesamte Stadt betroffen gewesen. Genau hier setzt eine zentrale Erkenntnis an: Resilienz ist nicht nur eine Frage der tatsächlichen Lage, sondern auch der Wahrnehmung und Kommunikation.

Albrecht Broemme verweist darauf, dass solche Ereignisse keineswegs überraschend kommen. Allein in Berlin gab es in den letzten zehn Jahren 73 Angriffe auf kritische Infrastruktur. Die Erwartung, dass derartige Vorfälle eintreten können, ist also keine theoretische Annahme, sondern empirisch belegbar. Umso kritischer ist die Diskrepanz zwischen vorhandenen Risiken und der tatsächlichen Vorbereitung darauf.

Gleichzeitig zeigte sich ein struktureller Vorteil urbaner Systeme: Die große Mehrheit der Bevölkerung war nicht betroffen und hätte grundsätzlich unterstützend wirken können. Dieses Potenzial wurde jedoch nur begrenzt genutzt.

Albrecht Broemme
Albrecht Broemme

Kommunikation und Organisation als Schwachstellen

Ein zentrales Problemfeld war das Kommunikationsmanagement. Die Bevölkerung wurde teilweise über Kanäle informiert, die im konkreten Fall nicht funktionierten – etwa über Mobilfunk oder Internet bei gleichzeitigem Stromausfall. Solche Fehlsteuerungen untergraben Vertrauen und verschärfen die Lage zusätzlich.

Auch die Verbreitung von Falschinformationen über soziale Medien zeigte, wie schnell sich Krisen kommunikativ verselbstständigen können. Fehlinterpretationen, verzögerte Informationen oder isolierte Meldungen führten zu unnötiger Verunsicherung. Broemme betont daher die Notwendigkeit spezialisierter Einheiten, die Informationsflüsse aktiv beobachten und steuern.

Ein weiterer kritischer Punkt lag in der operativen Koordination. Zwar standen grundsätzlich ausreichend Notstromaggregate zur Verfügung – etwa durch Bauunternehmen, Energieversorger oder das Technische Hilfswerk – doch fehlten klare Zuständigkeiten: Wer organisiert, wer betreibt, wer verteilt? Die Frage der Verfügbarkeit wurde damit zur Frage der Organisation.

Strukturelle Defizite im System

Besonders deutlich traten Schwächen im Umgang mit vulnerablen Gruppen zutage. Rund 7.000 besonders schutzbedürftige Personen waren betroffen, darunter ältere Menschen und Pflegebedürftige. Gleichzeitig verfügen viele Einrichtungen, etwa Pflegeheime, noch immer nicht über vorbereitete Notstromeinspeisungen. Für Broemme ist das ein strukturelles Versäumnis mit potenziell gravierenden Folgen.

Auch innerhalb der Verwaltung fehlen vielfach belastbare Notfallkonzepte. Es ist oft nicht definiert, welche Aufgaben im Krisenfall Priorität haben, welches Personal flexibel eingesetzt werden kann oder wie Abläufe ohne digitale Infrastruktur funktionieren sollen. „Listen auf Papier“ werden hier wieder zu einem entscheidenden Faktor.

Ein prägnantes Beispiel für fehlende Planung war der Einsatz des Militärs zur Essensversorgung: Obwohl Kapazitäten aufgebaut wurden, fehlte ein klares Konzept für die Verteilung. Das Ergebnis war ineffizienter Ressourceneinsatz – ein klassisches Symptom mangelnder Vorbereitung.

Resilienz als Führungs- und Systemaufgabe

Aus den Erfahrungen leitet Broemme klare strukturelle Anforderungen ab. Dazu zählen unter anderem die Einrichtung zentraler Rollen wie eines Chief Risk Managers und eines Chief Disaster Managers sowie die Schaffung permanenter Lagebeobachtungsstellen. Resilienz müsse institutionell verankert und strategisch gesteuert werden.

Gleichzeitig unterstreicht er die Bedeutung der Eigenverantwortung der Bevölkerung. Die Fähigkeit, sich mehrere Tage selbst zu versorgen, sei keine Ausnahmeanforderung, sondern ein notwendiger Bestandteil moderner Krisenvorsorge.

Der Stromausfall wirkte letztlich als politischer Katalysator. Das Thema Resilienz ist inzwischen stärker in den Fokus gerückt, und erste strukturelle Maßnahmen wurden angestoßen. Broemme selbst ist Teil einer Expertengruppe, die konkrete Handlungsempfehlungen für eine resilientere Stadtentwicklung erarbeiten soll.

Sein Fazit ist klar und bewusst zugespitzt: Vorbereitung ist keine Option, sondern Voraussetzung. Oder, in seinen Worten: „Sei vorbereitet – es kommt schlimmer, als du denkst.“

Der gesamte Vortrag dazu, steht hier zum Download bereit.