Mit seiner Keynote „Die Macht der Mitte“ stellte Andreas Rödder bei den Millstätter Wirtschaftsgesprächen eine der zentralen politischen Fragen der Gegenwart ins Zentrum: Was bleibt von der gesellschaftlichen und politischen Mitte, wenn sich Debatten zunehmend an den Rändern zuspitzen?

Deutscher Historiker, Professor für Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Gesellschaftliche vs. politische Mitte
Rödder unterscheidet dabei klar zwischen gesellschaftlicher und politischer Mitte. Die gesellschaftliche Mitte, das sind für ihn jene Menschen, Familien und Unternehmen, die das Gemeinwesen durch Arbeit, Verantwortung und Engagement tragen. Gerade sie stehen heute unter wachsendem Druck – wirtschaftlich, kulturell und politisch.
Gleichzeitig sei auch die politische Mitte unklarer geworden. Sie definiere sich zu oft nur noch über Abgrenzung, statt über eigene Inhalte und klare Leitbilder.
Die liberale Ordnung unter Druck
Um diese Entwicklung zu verstehen, blickt Rödder auf die letzten Jahrzehnte zurück. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts habe sich in Europa und im Westen insgesamt eine liberale Ordnung etabliert, getragen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft, Wettbewerb und internationaler Offenheit.
Dieses Modell sei jedoch nicht nur von außen unter Druck geraten, sondern auch innerhalb westlicher Gesellschaften zunehmend infrage gestellt worden.
Rödder beschreibt dabei zwei gegenläufige Kräfte: auf der einen Seite eine postmoderne linke Hegemonie, die westliche Gesellschaften primär durch Machtkritik, Identitätsfragen und strukturelle Ungleichheit betrachtet. Auf der anderen Seite eine neue rechte Gegenbewegung, die sich gegen genau diese Entwicklung richtet, dabei aber häufig ebenfalls zentrale Grundlagen der liberalen Ordnung angreift.
Die Rolle der Mitte im politischen Spannungsfeld
Die eigentliche Herausforderung besteht für ihn darin, ob der aktuelle Pendelschlag nach rechts noch durch eine starke bürgerliche Mitte aufgefangen werden kann – oder ob er weiter an die politischen Ränder durchschwingt.
Seine Antwort ist eindeutig: Die Mitte muss wieder selbst politisch handlungsfähig werden. Sie darf Konflikte nicht ignorieren, sondern muss sie annehmen – mit Offenheit, Respekt und der Bereitschaft zur Selbstkritik. Gerade darin liege eine ihrer größten Stärken.
Denn demokratische Gesellschaften blieben nur dann stabil, wenn sie Fehler erkennen, korrigieren und Entscheidungen wieder veränderbar machen können.
Zukunftsprojekt statt Verwaltung
Zugleich fordert Rödder ein eigenes Zukunftsprojekt der Mitte. Nicht bloß Verwaltung des Bestehenden, sondern echte Reformpolitik sei notwendig – in Wirtschaft, Bildung, sozialer Sicherheit, Innovationsfähigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Leitend müsse dabei die Frage sein, wie ein lebenswertes Land für Kinder und Enkel geschaffen werden kann.
Besonders betont er die Bedeutung von Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft, Aufstiegschancen und Bildung. Zugleich müsse Politik dort stärker unterstützen, wo echte Chancen erst ermöglicht werden müssen – etwa bei Familien, im Bildungsbereich oder in sozialen Aufstiegspfaden.
Die Mitte braucht ein Narrativ
Sein Fazit: Die Mitte gewinnt ihre Kraft nicht durch Beliebigkeit, sondern durch ein positives Narrativ. Sie muss wieder Vertrauen in Freiheit, Verantwortung, Innovation und demokratische Gestaltung vermitteln.
Gerade in einer Zeit wachsender Polarisierung liegt darin ihre eigentliche Macht.