MWG10: Wirtschaft zwischen Realität und Selbstbild – ein nüchterner Blick auf Österreichs Standort

Im Rahmen des Formats „Millstatt Impuls – Wirtschaft.Macht.Fakten.“ lieferte Gunter Deuber bei den Millstätter Wirtschaftsgesprächen eine bewusst nüchterne Analyse der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Seine zentrale Botschaft: Die Herausforderungen sind real – und sie werden bleiben.

Gunter Deuber Chefökonom, Bereichsleiter Raiffeisen Research, Raiffeisen Bank International AG
Gunter Deuber
Chefökonom, Bereichsleiter Raiffeisen Research, Raiffeisen Bank International AG

Geopolitik als wirtschaftlicher Treiber

Deuber stellte gleich zu Beginn klar, dass sich wirtschaftliche Entwicklungen zunehmend im Spannungsfeld geopolitischer Interessen abspielen. Entscheidungen großer Akteure folgen dabei nicht immer klassischer ökonomischer Logik. Vielmehr stehen strategische Ziele im Vordergrund – auch auf Kosten wirtschaftlicher Effizienz.
Für Unternehmen bedeutet das: Planbarkeit nimmt ab. Themen wie Industriepolitik, Handelsbeschränkungen und Sanktionen werden langfristig prägend bleiben. Die Wirtschaft wird damit zum zentralen Schauplatz globaler Machtverschiebungen.

Energiepreise und strukturelle Schäden

Ein konkretes Beispiel ist der Ölmarkt. Selbst bei einer kurzfristigen Entspannung geopolitischer Konflikte bleiben die Preise erhöht. Die strukturellen Verwerfungen sind bereits eingetreten und lassen sich nicht vollständig rückgängig machen.
Der wirtschaftliche Schaden ist damit nicht nur temporär, sondern wirkt nachhaltig.

Österreich: schwaches Wachstum, strukturelle Defizite

Für Österreich zeichnet Deuber ein verhaltenes Bild:

  • moderates Wachstum auf niedrigem Niveau
  • kaum Dynamik bei Investitionen
  • schwache Exportentwicklung

Besonders kritisch: Der Aufschwung wird primär vom privaten Konsum getragen – ein strukturell wenig nachhaltiges Muster. In klassischen Konjunkturphasen wären steigende Investitionen und Exporte die treibenden Kräfte.
Zusätzlich startet Österreich aus einer vergleichsweise schwachen Ausgangslage in eine neuerlich unsichere Phase. Realwirtschaftlich bewegt sich das Land aktuell auf dem Niveau von 2022, während andere europäische Volkswirtschaften bereits deutlich weiter sind.

Wettbewerbsfähigkeit unter Druck

Ein zentrales Problem liegt in der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen sehen sich zunehmend im Nachteil – ein Eindruck, der durch Daten gestützt wird.
Hinzu kommt eine deutliche Verschiebung innerhalb der Volkswirtschaft: In den letzten Jahren kam es zu einer Umverteilung zugunsten von Arbeitnehmerentgelten und zulasten der Unternehmensgewinne. Die Folge ist eine spürbar gesunkene Profitabilität der Unternehmen.
Damit schrumpft der Spielraum für weitere Belastungen durch Lohn-, Steuer- oder Wirtschaftspolitik.

Industrie: unterschätzte Stärke

Trotz der kritischen Gesamtlage identifiziert Deuber auch stabile Fundamentaldaten. Die oft diskutierte Deindustrialisierung sei in Österreich aktuell nicht Realität. Inflationsbereinigt konnte die Industrie ihre Position sogar halten.
Das Problem liegt weniger in der Substanz als in den Rahmenbedingungen.

Neue Chancen durch strategische Industrien

Besonders interessant ist ein Blick auf sogenannte Dual-Use-Industrien – also Bereiche mit ziviler und militärischer Anwendung, etwa Elektronik, Luftfahrt oder Messtechnik. Diese Sektoren gewinnen im aktuellen geopolitischen Umfeld an Bedeutung und bieten Wachstumspotenzial.
Für Österreich ergibt sich hier eine strategische Chance – vorausgesetzt, wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen ermöglichen internationale Skalierung.

Ernüchernd aber konstruktiv

Die Analyse fällt insgesamt ernüchternd aus, bleibt aber konstruktiv: Österreich verfügt weiterhin über wirtschaftliche Substanz. Gleichzeitig ist klar, dass strukturelle Anpassungen notwendig sind. Die kommenden Jahre werden davon geprägt sein, wie konsequent neue Prioritäten gesetzt und wirtschaftspolitische Realitäten anerkannt werden.