MWG10: Souveränität durch Investitionen – warum Europas Zukunft auch in der Ukraine entschieden wird

Im Interviewformat „Die Macht der Souveränität“ sprach Karl Nehammer bei den Millstätter Wirtschaftsgesprächen über seine neue Rolle als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, über Europas Investitionskraft und über die strategische Bedeutung der Ukraine für den Kontinent.

Karl Nehammer Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank-Gruppe (EIBG), Bundeskanzler a.D.
Karl Nehammer
Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank-Gruppe (EIBG), Bundeskanzler a.D.

Die Europäische Investitionsbank als strategisches Instrument

Nehammer beschreibt die Europäische Investitionsbank als Finanzierungsarm der Europäischen Union. Ihre Aufgabe sei es, politische Zielsetzungen Europas in konkrete Investitionen zu übersetzen – etwa in den Bereichen Wettbewerbsfähigkeit, Technologie, Innovation und Infrastruktur. Dabei gehe es nicht um symbolische Politik, sondern um die gezielte Stärkung europäischer Zukunftsfähigkeit.
Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Frage, wie Europa im globalen Wettbewerb zwischen den USA und China bestehen kann. Investitionen sollen dazu beitragen, Unternehmen, Arbeitsplätze, Forschung und Innovationskraft in Europa zu halten. Gerade in diesem Zusammenhang sei klar: Wirtschaftliche Stärke und politische Souveränität hängen eng zusammen.

Ukraine: Wiederaufbau als europäische Zukunftsaufgabe

Besonders deutlich wurde das im Gespräch über die Ukraine. Für Nehammer ist das Land nicht nur geopolitisch, sondern auch wirtschaftlich und strategisch von zentraler Bedeutung. Die Ukraine sei europäisch, innovationsstark und mit enormem Potenzial ausgestattet. Gleichzeitig sei der Wiederaufbau angesichts der massiven Zerstörungen eine Jahrhundertaufgabe.
Die Europäische Investitionsbank setzt dabei auf ein mehrstufiges Vorgehen: kurzfristig geht es darum, zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen und die Lebensfähigkeit des Landes zu sichern. Mittelfristig werden Projekte finanziert, die die Anbindung an europäische Standards verbessern – etwa bei Schieneninfrastruktur, Energieversorgung, Grenzmanagement oder Netzen. Langfristig soll privates Kapital mobilisiert werden, um Innovation, Start-ups und wirtschaftliches Wachstum zu fördern.
Für europäische und auch österreichische Unternehmen eröffnen sich dadurch erhebliche Chancen. Der Wiederaufbau ist damit nicht nur Solidaritätsfrage, sondern auch ein zentraler Markt der Zukunft.

Investitionen nur unter klaren Standards

Ein wesentlicher Punkt des Gesprächs war die Frage nach Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsrisiken. Nehammer betont hier die Rolle europäischer Standards: Finanzierungen der Europäischen Investitionsbank seien immer daran gebunden, dass Governance, Transparenz und rechtsstaatliche Anforderungen eingehalten werden. Gerade dadurch könne die Ukraine nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch institutionell näher an Europa herangeführt werden.
Wichtig ist ihm auch die Abgrenzung zu Zuschüssen: Die EIB vergibt Kredite, keine bloßen Zuwendungen. Diese Mittel müssen zurückgezahlt werden. Das reduziert Risiken, schafft Verbindlichkeit und soll zugleich Vertrauen für private Investoren schaffen.

Europas Investitionen sind auch geopolitische Entscheidungen

Nehammer macht deutlich, dass Europa in der Ukraine nicht allein agiert. Internationale Finanzierungsinstitutionen und globale Akteure sind bereits vor Ort oder positionieren sich für die Zukunft. Deshalb sei die Frage nicht nur, ob Europa investieren kann, sondern auch, ob Europa bereit ist, diesen Raum strategisch mitzugestalten.
Gerade in diesem Zusammenhang wird Investitionspolitik zu Souveränitätspolitik. Wer Infrastruktur, Standards und wirtschaftliche Entwicklung mitgestaltet, prägt auch politische Bindung, Wertschöpfung und Stabilität.

Souveränität braucht langfristiges Denken

Das Interview zeigt: Europas Zukunft wird nicht nur in Gipfeln und Strategiepapiere verhandelt, sondern ganz konkret über Investitionen. Ob Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft oder Wiederaufbau – entscheidend ist, ob Europa bereit ist, langfristig Verantwortung zu übernehmen. Für Karl Nehammer ist klar: Souveränität entsteht dort, wo politische Ziele, wirtschaftliche Vernunft und strategische Investitionen zusammenwirken.